Keine Schau für Schubladendenker

Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner

In einer längst überfälligen Retrospektive präsentiert das BRUSEUM in der Neuen Galerie Graz die Werke Gerhard Rühms von 1952 bis 2015. „Totalansicht“ zeigt Rühm als Musiker, Literaten, Komponisten und bildenden Künstler, der Gattungsgrenzen gerne überschreitet.

Schubladendenker haben es schwer mit Gerhard Rühm: ein Tausendsassa ist er, ein Grenzgänger oder vielmehr noch ein Grenzenverwischer. Zigtausend Werke umfasst sein in 65 Jahren entstandenes Œuvre, das zwischen Literatur, Musik und bildender Kunst eine einzigartige Synthese schafft. Die Neue Galerie Graz hat eine Retrospektive gewagt und widmet dem Mehrfachbegabten eine Ausstellung im BRUSEUM.

Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner

Gemeinsam mit dem Künstler hat Kurator Roman Grabner die Werke ausgewählt – mit dem Ziel, jene Arbeiten zu zeigen, in denen das Rühm’sche Konzept am präzisesten umgesetzt ist. Gezeigt werden sollte aber nicht nur eine (längst überfällige) Retrospektive, Anliegen war es auch, Rühm jenen Platz in der Kunstgeschichte zu geben, den er verdient. Konzeptkunst, Happenings, aktuelle Strömungen in der zeitgenössischen Kunst haben nicht ihren Ursprung im amerikanischen Raum, wie  oft der Anschein erweckt wird, wegbereitendes Zentrum vielmehr war das Wien der 1950er Jahre – und Rühm darin entscheidender Protagonist. Dies in den Fokus der Wahrnehmung zu rücken, war dem Kurator ein Herzensanliegen. Denn, so Roman Grabner zur FURCHE, Rühm gehört zu den einflussreichsten österreichischen Künstlern überhaupt, national wie international.
Geboren 1930 in Wien als Sohn eines Kontrabassisten der Wiener Philharmoniker wächst Gerhard Rühm in einem musikalischen Umfeld auf, studiert Klavier und Komposition, nimmt Privatunterricht beim Zwölftonmusiker Josef Matthias Hauer, erregt als radikaler Eintonmusiker Aufmerksamkeit, beginnt, befreundet mit Arnulf Rainer, schon in den 1950er Jahren mit bildnerischen Arbeiten, ist Mitbegründer oder – wie H. C. Artmann einst sagte – „Mutter“ der Wiener Gruppe.

Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner

Das Wort macht die Musik

Ist das Rühm’sche Schaffen auch nicht einer Schublade zuzuordnen, so folgt die Ausstellung dennoch einer sehr klaren Struktur und bietet so einen deutlichen Ein- und Überblick: Rühms Texte sind Bilder, die Bilder Gedichte und das Wort macht die Musik.
Die „körperzeichnungen“ lenken den Blick des Betrachters gleich zu Beginn der Ausstellung auf das theoretische Dahinter: Kunst ist  Ausdruck des Unbewussten, Spontanität und Zufall die Liniengebenden, der Körper Produzent und Schablone zugleich. Zeichnen hat für Rühm mehr mit dem Tast- als mit dem Sehsinn zu tun. So entstehen Werke durch den Stift, der zu Boden fällt, wenn der Schlaf den Körper übermannt, oder durch den Widerstand des Bleistifts beim Abtasten von Körperteilen, wie er stockt, wie er reibt, wie er weiterziehen kann. Der strengen Linie setzt der Künstler die freie Geste gegenüber.

Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner

Von solchen „Denkspuren“ zeugen nicht nur die Zeichnungen, sondern auch die Fotomontagen, Scherenschnitte, die Visuelle Poesie und die Visuelle Musik, denen in etwa zu gleichen Teilen ein Ausstellungsbereich gewidmet ist. Ein Werk gibt das andere, lässt schauen, lässt rätseln, schickt weiter.
Die Tiefe und das Augenzwinkern, die Rühms Werken innewohnen, offenbaren sich oft erst auf den zweiten Blick. Dem Betrachter machen sie allesamt Freude: Die Tuschearbeiten, in denen Rühm ganze Satzteile fremder Texte auslöscht, also „vertuscht“, aus dem Verbliebenen entsteht ein neuer Sinn. Die Fotos, die zerstückelt, teils auf Notenpapier geklebt, neue Geschichten erzählen. Die Scherenschnitte, die immer beide Seiten der Medaille zeigen, sie mitunter auch verschmelzen lassen. Und natürlich die Gedichte Rühms, die aus Buchstaben arrangierte Wortkunst.

Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner

Es ist die größte Ausstellung, „die er bisher zustande gebracht“ hat, zeigt sich Gerhard Rühm zufrieden. Bei einem derart umfassenden Werk muss es sich zwangsläufig um Momentaufnahmen handeln. Gewählt sind sie gut, trotz oder vielleicht gerade wegen der geringen Vorbereitungszeit. Und Lust auf mehr macht die Schau, auf mehr Rühm, auf mehr Kunst und vor allem auf mehr Poesie. Nur ein Schubladendenker verlässt diese Ausstellung ohne Lächeln.

Totalansicht. Retrospektive Gerhard Rühm

bis 21.2. Bruseum, Neue Galerie Graz

Der Text erschien im Jänner 2016 in: Die Furche.

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