Balthus: Mysterium und Mädchenmaler

Die Straße, Balthus, Kunstforum Wien
Die Straße, Balthus, Kunstforum Wien

Das Kunstforum zeigt im Rahmen einer Retrospektive die erste Balthus-Ausstellung in Österreich. Auf die Kontroversen, die der Maler ausgelöst hat, geht die Schau nicht ein. Lieber lässt man die zweifellos beindruckenden Werke von Balthus für sich sprechen.

König der Katzen, Balthus, Kunstforum Wien, Balthus, Foto: MONDADORI PORTFOLIO/Bridgeman  Images (Photo Lefevre Fine Art Ltd., London)
König der Katzen, Balthus, Kunstforum Wien, Balthus, Foto: MONDADORI PORTFOLIO/Bridgeman
Images
(Photo Lefevre Fine Art Ltd., London)

„Der beste Weg anzufangen, ist zu sagen, ‚Balthus ist ein Maler, über den nichts bekannt ist. Wenden wir uns jetzt seinen Werken zu.‘“ Dieses Zitat vom Künstler selbst ist sein Vermächtnis – nebst unzähligen Werken, verstreut in Museen und privaten Sammlungen auf der ganzen Welt. Balthasar Klossowski de Rola, kurz Balthus, ist ein Geheimniskrämer und Selbstdarsteller, oder wie es das Kunstforum nennt, „ein Mysterium“.
Der Wunsch des Künstlers ist Befehl. Biografisches findet man in „Balthus“, der aktuellen Ausstellung im Kunstforum wenig, die Saaltexte sind auf ein erläuterndes Minimum beschränkt. Kontroversen um das sexualisierte Kindmotiv, die immer wieder geführt wurden, muss man sich aus dem Hinterkopf oder dem Smartphone hervorkramen. Es ist das Werk, das im Kunstforum sprechen soll – und das erweist sich in der Tat als gesprächig.
Ein Werk, das fast ein Jahrhundert umfasst

Die Werke sind chronologisch gehängt, und so spaziert man durch eine beinah ein ganzes Jahrhundert umfassende Werkgeschichte. Ein Raum ist Balthus’ Anfängen in den 1920er Jahren gewidmet, ein weiterer den kindlichen Akten und den Porträts, anschließend folgen die Arbeiten fürs Theater, die ruhigen Spätwerke und schließlich, unscheinbar im hintersten Winkerl eine Auswahl der Polaroids, deren Veröffentlichung in New York heftige Kontroversen auslösten. Der Plan, die Sofortbilder (es sind Tausende!) auszustellen – sie dokumentieren das Heranwachsen des zu Beginn der Serie 8-jährigen Mädchens Anna, stets halb entblößt auf dem Diwan liegend –, sorgte in Deutschland derart für Aufsehen, dass die Schau im Museum Folkwang schließlich abgesagt wurde. Hier im Kunstforum hängen sie hübsch gerahmt, adrett gereiht – auffällig unauffällig. Hängung wie Saaltext unterstreichen einen dokumentarischen Charakter und verweisen auf die Not eines altersschwachen Künstlers, der Fotos anstatt Skizzen verwenden muss. „Pädophile Gier“ (Die Zeit) wurde Balthus öfter zum Vorwurf gemacht. Im Kunstforum wird das leider nicht thematisiert, man scheint der Debatte vielmehr aus dem Weg zu gehen.

Cathys Toilette, Balthus, Kunstforum Wien, MONDADORI PORTFOLIO/AKG Images
Cathys Toilette, Balthus, Kunstforum Wien, MONDADORI
PORTFOLIO/AKG
Images

Eine Handvoll im Museum verstreuter Hinweise führt den Besucher auf gewünschte Fährten: Hier ein Hinweis auf die Inszenierung Balthus’ als „König der Katzen“. Da ein Fingerzeig auf die Einflüsse von Carrolls „Alice“ und Hoffmanns „Struwwelpeter“. Dort ein plakatives Zitat: „Man muss heute sehr laut schreien, wenn man gehört werden möchte. Deshalb möchte ich erotische Gemälde malen“. Schon sieht man Katzen überall. Schon entdeckt man den „Hasen als Jäger“, schon vermeint man Balthus zu sehen, wie er sachlich die unbehaarte Scham adoleszenter Mädchen malt, in Gedanken vermutlich ganz woanders.

Geboren 1908 in eine intellektuelle deutsch-polnische Familie, der Vater Erich Kunsthistoriker, die Mutter Baladine Malerin. Die Eltern trennen sich bald. Der Geliebte der Mutter, Rainer Maria Rilke, übernimmt eine Vaterrolle kümmert sich um die Ausbildung der beiden Klossowski-Brüder, finanziert und fördert. Früh schon erkennt Rilke das Talent von Balthasar, ermuntert ihn seine ersten künstlerischen Versuche, Holzschnitte, zu publizieren – „Mitsou“, das erste Werk von Balthus ist auch hinter Glas zu sehen. Eine Replik zum Durchblättern wäre schön gewesen – hätte aber das Konzept Mysterium vermutlich über den Haufen geworfen.
Starke, unheimliche Bilder

Die Kastze des Mittelmeeres, Balthus, Kunstforum Wien , Foto: MONDADORI PORTFOLIO/Bridgeman  Images (Peter Willi)
Die Katze des Mittelmeeres, Balthus, Kunstforum Wien , Foto: MONDADORI PORTFOLIO/Bridgeman
Images (Peter Willi)

Jedoch: Mysterium hin oder her – der Verzicht auf Diskurs  ist schade bis verwerflich, Balthus’ Werke für sich allein stehen zu lassen, ist trotzdem kein Fehler. Balthus’ Bilder sind stark, besonders jene in den ersten Räumen – darunter Bekanntes wie „Die Straße“ von 1929, ein Bild so starr und gleichzeitig so lebendig, als ob sich mit dem nächsten Wimpernschlag der Anzug seinem Wagen zuwendet, der Handwerker sein Brett an die nächste Hausmauer lehnt, eins der Kinder sich vielleicht im nächsten Schritt schon losreißt. Oder „Die Katze des Mittelmeeres“, die in Hauspatschen auf dem Steg sitzt, während ihr die Fische aus dem Regenbogen auf den Teller fallen. Das Motiv der Verkehrten Welt, das sich ab den 1960ern mit den Phantasten Lewis Carroll, Annie M. G. Schmidt und Vera Ferra-Mikura zunehmend in die Kinderliteratur implementiert, das Unheimliche, das sich daraus  erschließt, all das findet man zeitgleich in Balthus’  Werken zelebriert.
Es mag fair erscheinen, den Wunsch des Künstlers zu respektieren. Doch das Stockerl, auf das er im Kunstforum gestellt wird, ist gar nicht notwendig. Balthus’ Bilder sind sehenswert – und überaus stark. Konfrontation und kritisches Hinterfragen hätten sie ausgehalten.

Balthus
bis 19.6., Kunstforum Wien
tägl. 10 – 19 Uhr, Freitags bis 21 Uhr
www.kunstforumwien.at

Der Text erschien im April 2016 in: Die Furche

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