Wer bestimmt, wie wir die Welt sehen sollen?

Der Konzeptkünstler Olaf Nicolai hat in der Wiener Kunsthalle einen „Medialoop“ angestoßen, der poetisch wie politisch Kreise zieht und unsere Wahrnehmung von medialen Bildern hinterfragen will.

Sind Sie schon einmal in ein Gemälde gesprungen? So richtig in Kunst eingetaucht? In der Kunsthalle Wien kann man das gerade: Die Werke in der oberen Ausstellungshalle sind auf den Boden gemalt, Betreten ist erwünscht.

Der Konzeptkünstler Olaf Nicolai hat für die Ausstellung „There is No Place Before Arrival“ 22 Straßenmalerinnen und Straßenmaler beauftragt, diese Bodenmalereien anzufertigen. Es handelt sich um Bilder aus Zeitungen, die er in seinem Archiv gesammelt hat. Hier in der Kunsthalle werden sie nun in ein anderes Medium übersetzt, von der flüchtigen Printzeitung von einst in die noch flüchtigere Kreidemalerei von heute. Morgen sind sie vielleicht schon auf Instagram gepostet, später werden sie wieder ihren Weg in die Printzeitung finden: Während der Laufzeit der Ausstellung werden die Bilder in verschiedenen Medien abgedruckt, darunter auch in der FURCHE. Es ist ein Loop, den Olaf Nicolai hier in Gang gesetzt hat, ein „Medialoop“.

Spuren hinterlassen

Kunsthalle Wien /olaf Nicloai / Foto: aa
Kunsthalle Wien /olaf Nicloai / Foto: aa

Diese Installation in der 1200 m2 großen Ausstellungshalle der Kunsthalle Wien entsteht seit Juli, Werk für Werk. Den Malerinnen und Malern kann man, so sie gerade am Arbeiten sind, dabei über die Schulter schauen. Sind sie es nicht, erzählt ein motiviert herumstehendes Einkaufswagerl mit Malutensilien von dem künstlerischen Prozess, abgeklebte Stellen auf dem Boden verweisen auf das Entstehende. Die Besucherinnen und Besucher sind ausdrücklich eingeladen, über die fertigen Werke zu spazieren: über eine Landschaft, über einen Herrn im sommerlichen Anzug, über einen Roboter – und halt, ist da hinten nicht ein Bild vom Meer? Man will schon Anlauf nehmen und in diesen sommerlichen Tagen zumindest eine imaginierte Abkühlung nehmen, da hält man schon inne: Was, wenn dieses Meer von Ertrinkenden erzählt? Und schon macht man einen großen Bogen … – Welche Spuren werden die Besucher am Ende der Ausstellung auf den Bildern hinterlassen haben?

Olaf Nicolai, Helene Weigels Auto vor dem Burgtheater Wien, © Olaf Nicolai & Bildrecht, 2018, Foto: David Avazzadeh
Olaf Nicolai, Helene Weigels Auto vor dem Burgtheater Wien, © Olaf Nicolai & Bildrecht, 2018, Foto: David Avazzadeh

Zu der Ausstellung „There Is No Place Before Arrival” gehören neben der raumgreifenden Installation im Kunsthallen-Obergeschoß auch weitere Objekte, die teilweise in Wien verstreut sind, wie eine arabische Übersetzung von Freuds „Trauer und Melancholie“ im Sigmund Freud Museum oder ein H. C. Artmann gewidmetes Werk im Antiquariat Georg Fritsch in der Wiener Schönlaterngasse. Abwechselnd vor Burg- und Volkstheater wird das Auto von Helene Weigel geparkt, ein Mercedes Baujahr 1967, den Nicolai gekauft hat und der nun als Intervention im urbanen Raum sein Ausgedinge findet. Parallel zu der Wiener Ausstellung laufen außerdem zwei andere von Olaf Nicolai, eine in der Kunsthalle Bielefeld (bis 9. September) und im Kunstmuseum St. Gallen (bis 11. November), die jede für sich stehen, aber auch in Beziehung zueinander gesehen werden können und am Ende durch eine gemeinsame Publikation verbunden werden.

Nicolai zeigt, da wie dort, Kunst nicht als Produkt, sondern als Teil eines komplexen Prozesses. Hier in der Wiener Kunsthalle geht es um die Beziehung, die wir zu Bildern aufbauen. Viele der Bilder, die Nicolai für diese Installation ausgewählt hat, haben doppelten Charakter, sie verraten den Kontext, in dem sie ursprünglich publiziert wurden, nicht gleich. Im ausstellungsbegleitenden Booklet kann man ihn nachlesen. So entpuppt sich der adrette Herr im sommerlichen Anzug von vorhin als Teilnehmer des Neonazi-Aufmarsches in Münster 2006. Und das Bild der Schneelandschaft liest sich plötzlich ganz anders: Es sind die letzten Wege von 16 Menschen, die von einer Lawine getötet wurden. Dass man jedes Bild für sich – und erst recht alle gemeinsam – auch ganz anders lesen kann, zeigt sich nicht nur darin, dass die Kontextualisierung nicht direkt vor Ort, sondern ausschließlich im begleitenden Booklet erläutert wird. Und doch, so eindeutig ist es auch hier nicht: Neben der Quellenangabe ist jedes Bild auch noch mit assoziativ gewählten Zitaten versehen. Und so wird ein Bild erst dann zu einem Bild, wenn man damit in Beziehung tritt und ein Ort erst dann zu einem, wenn man ankommt: „There Is No Place Before Arrival“.

Auf Kunst eingehen

Durch die schrittweise Aneignung der Besucherinnen und Besucher entsteht ein Tableau, das sich ständig verändert. Zusätzlich wurden Schriftsteller, Tänzer, Performer und Musiker eingeladen, auf die Bilder einzugehen – in jedem Wortsinn. Die Schritte der Kunst, die, vor Ort mit Kreide, im Netz und in der Zeitung durch Reproduktion, so sichtbar werden, sind hochpoetisch, die Fragen, die sich dahinter auftun, hochpolitisch: Was machen die Bilder mit uns, die Medien tagtäglich verbreiten? Wie sollen wir die Welt sehen und wer soll das bestimmen? Nicolai hinterfragt damit die gewohnten Sichtweisen und reflektiert das Verhältnis von Bedeutung und Erfahrung. Eine leichtfüßige Ausstellung ist das nicht. Aber es könnte eine sein. „Mach es nicht so kompliziert”, unterbricht Mary Poppins in der Disney-Verfilmung die umständlichen Erklärungen des Straßenmalers und springt in sein Bild einfach hinein. – Sind Sie noch nie in ein Gemälde gesprungen? In der Kunsthalle Wien haben Sie Gelegenheit dazu. Nützen Sie sie.

IMG_8877
Spuren – Kunsthalle Wien, Olaf Nicolai, Foto: aa

 

FYI: Der Kunst ihre Zeitung … – ein Projekt von museum in progress, DIE FURCHE u.a.
Die auf den Boden der Kunsthalle übertragenen Medienbilder aus dem Privatarchiv von Olaf Nicolai werden nach ihrer Entstehung von museum in progress in die Medienräume von achtzehn Zeitungen und Magazinen – darunter auch die FURCHE – überführt und so in einem kontextuellen Feedback-Loop fortgeführt. Zum Angreifen und Herausnehmen wird die FURCHE in der Ausgabe vom 30. August auf einer Doppelseite „The Terrified Monks“ abdrucken. Am 27. September wird, wiederum auf einer Doppelseite, das gleiche Motiv abgedruckt, jedoch mit den Spuren, die durch die Kunsthallen-BesucherInnen auf der begehbaren Bodenmalerei entstanden sind. Zusätzlich wurde auf Instagram (www.instagram.com/medialoop) ein digitaler Ausstellungsraum eröffnet, in dem AusstellungsbesucherInnen und ZeitungsleserInnen ihre Fotos teilen können. Der Hashtag ist #medialoop. 

Die Texte erschienen im August 2018 in: Die FURCHE

There Is No Place Before Arrival
bis 7. Oktober, Kunsthalle Wien, MQ
tägl. 11–19 h, Di bis 21 h
www.kunsthallewien.at

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *