Schaukeln im Neto-Universum

 

Ernesto Neto, Paxpa – There Is a Forest Encantada Inside of Us, 2014
Ernesto Neto, Paxpa – There Is a Forest Encantada Inside of Us, Foto: Christian Redtenbacher

 

Körper und Geist durch Kunsterfahrung in Einklang bringen, ist Ziel des brasilianischen Gegenwartskünstlers Ernesto Neto, der die Kunsthalle Krems in eine faszinierende, fesselnde Nylon-Welt verwandelt.

Ernesto Neto, Arco Ventre, 1999 Sammlung Hoffmann, Berlin, Foto: Jens Ziehe
Ernesto Neto, Arco Ventre, 1999
Sammlung Hoffmann, Berlin, Foto: Jens Ziehe

Manche verwenden Strumpfhosen um Tomatenstauden hochzubinden. Manche überfallen damit Banken. Ernesto Neto, salopp gesagt, macht damit Kunst: es ist das Material, Lycra, das er verwendet, das gefüllt, gestopft, gehäkelt an Strumpfhosen erinnert – überzeugen kann man sich davon derzeit unter anderem in der Kunsthalle Krems, die dem brasilianischen Künstler eine Retrospektive widmet.

Der Einstieg in die Kremser Neto-Welt ist nur in wolkenähnlichen Überschuhen möglich – oder barfuß: aus versicherungstechnischen Gründen und auch, damit nichts kaputt geht. Gleichzeitig ermöglicht das Ablegen der Schuhe auch einen besonderen Zugang: Ernesto Netos Skulpturen sind begeh- und erlebbar, der Besucher darf vorsichtig durch Kunstwerke tappen, sich am Rande vorbeischlängeln, durch Öffnungen schlüpfen und mit wenigen Ausnahmen dann (leider) doch nichts berühren.

“Ich bin Skulptur”

Mit „Esqueleto Glóbulos“, dem ersten Objekt, gelingt der Kunsthalle ein faszinierender und fesselnder Einstieg: Vor erbsengrünen Wänden offenbaren weiße, skelettartige, mit Styroporkügelchen gefüllte Gebilde das Innere einer Körperzelle. Als wäre man durch ein Mikroskop geglitten, ist man Däumelinchen und Alice im Wunderland zugleich. Erst vom Ende des Raumes her wird an der Wand ein Zitatstück Netos lesbar: „Ich bin Skulptur.“

Ich bin auch Skulptur. ;)
Ich bin auch Skulptur! ;) Anne in Netos „Esqueleto Glóbulos”

Der Bezug zum Organischen und der körperhafte Skulpturenbegriff sind durch die Ausstellung begleitendes Mantra des 1964 in Rio de Janeiro geborenen Künstlers, die Schau selbst vor allem Bekenntnis: Immer wieder ruft ein „Ich glaube an …“ von den Wänden, wird die „heilige Schwerkraft“ beschworen und verleiht Neto so einen spirituellen Anstrich, den er zweifelsohne beabsichtigt. Mit Schamanentum hat er sich beschäftigt, viel Zeit im brasilianischen Regenwald verbracht, das Biomorphe ist sein Zentrum, die(Rück)besinnung auf Tradition, auf Natur: Die Menschen sollen aus den Alltagsrealitäten heraus- und in ein Gleichgewicht von Körper und Geist hineingeführt werden.

Die Symbiose von Natur und Nylon ergibt im Laufe des Rundgangs einen guten Einblick – in das Werken Netos genauso wie in eine brasilianische Gegenwartskunst und stillt vielleicht sogar das Bedürfnis des Großstadtmenschen nach einfacher Welt mit klaren Farben und Formen: zuerst noch in weiß gehalten, wird die Ausstellung zunehmend orange, die Kunstwerke umkreist man vorsichtig, hin und hergerissen zwischen Angreifen-Wollen und Nicht-Berühren-Dürfen. Das taktile, sensorische, und vor allem das olfaktorische Erleben steht ausdrücklich im Vordergrund – Nelken und Kurkuma auf Leinwand und Boden, Gewürze in Lycra von der Decke baumelnd signalisieren den Anspruch einer neuen Empfindsamkeit. Harschen Gegensatz dazu bieten Objektbeschreibungen auf einer komplexen Metaebene: Mit beinah schlechtem Gewissen schaukelt man dann in einer Polypropyirgendwas-Kette und bekämpft den Drang intellektuell verstehen zu müssen, was emotional längst klargelegt ist. Stärker als andere Künstler macht Ernesto Neto sichtbar, was dem Museumsbesucher oft schwerfällt: sich einfach auf Kunst einzulassen, an Ästhetischem zu erfreuen.

Ernesto Neto Velejando entre nós,  Foto: Christian Redtenbacher
Ernesto Neto
Velejando entre nós,
Foto: Christian Redtenbacher

Eine heile, orange Welt

Wollte man eben noch mit Netos Universum ein Kontinuum bilden, wird man im Rundgang von einem kurzen Inés-Lombardi-Einschub jäh unterbrochen, der der Künstlerin bestimmt nicht gerecht wird. Wie ungleiche Geschwister stehen beider Künstler Schaffen plötzlich bezuglos einander gegenüber, Neto aus dieser Perspektive größer, stärker, charismatischer. Ein Versöhnungsangebot ist da der abschließende „Sozialraum“, ein überdimensionaler Strumpfhosen-Uterus mit dem Titel „Paxpa – There is a Foresta Encantada Inside of Us“ bildet eine heile orange Welt. Mit Glück kommt man auf den kreisförmig angeordneten Polstern neben einem musikalischen Menschen zu sitzen: Instrumente, Gitarre, Trommeln liegen bereit. Wer auf der intellektuellen Strumpfhosen-Welle weiterschwimmen möchte, kann das im TBA21 im Wiener Augarten – auch dort ist derzeit Ernesto Neto zu sehen.

Ernesto Neto in seinem Atelier, 2001 © Archiv Atelienave, 2015 Foto: Rogério Faissal
Ernesto Neto in seinem Atelier, 2001
© Archiv Atelienave, 2015
Foto: Rogério Faissal

Dieser Text erschien im August 2015 in: Die Furche

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *