Ein Festival als gesellschaftlicher Imperativ

Aus: STILLE WASSER, Foto:  Rahman Hak-Hagir
Aus: STILLE WASSER (Regie: Helga Utz), Foto: Rahman Hak-Hagir

Ein neues Wiener Festival für zeitgenössisches Musiktheater will aktuelle, politisch und sozial relevante Themen reflektieren. Die erste Ausgabe der Musiktheatertage Wien fand von 27. August bis 12. September im Wien statt. Ein Bericht aus dem Innern.

Im Meidlinger Kabelwerk ist wieder eine Art Alltag eingekehrt: die U6 zuckelt im Morgenverkehr entlang der „anderen Achse Wiens“ zwischen Floridsdorf und Shopping-City-Anschluss, die Meidlinger Kinder sind aus der Spielstraße wieder in Klassenzimmer und Tagesbetreuung übersiedelt, das Dramaturg_innenteam vom Werk X bereitet sich auf die kommende Spielsaison vor und Herr Franz Name-geändert genießt die Ruhe zwischen den Künsten und hofft vielleicht insgeheim auf die nächste Ruhestörung, um die Herrn aus dem Kommissariat Meidling an die frische Luft zu holen.
Die ersten Musiktheatertage Wien vom 27.8. bis zum 12.9. sind Geschichte.

Georg Steker und Thomas Desi, Foto: Nick Mangafas
Georg Steker und Thomas Desi, Foto: Nick Mangafas

Der Theatermacher Thomas Desi und der Kulturmanager Georg Steker als eine Art Directors-Doppel brachten sieben Musiktheater-Produktionen im und rund ums Werk X im Meidlinger Kabelwerk zur Uraufführung und haben Wien dadurch mit einem Festival bereichert, das nicht Spezialisten-Nischen bedienen will, sondern Räume öffnet: Neues Musiktheater in dieser Dichte und (internationalen) Vielfalt hat es in Wien bisher so nicht gegeben.

Mit und ohne Migrationshintergrund

Das Kabelwerk, das Werk X, ehemals Palais Kabelwerk, mit seinen beiden Sälen Werk Eins und Werk Zwei kokettiert mit seiner Vergangenheit als Industriestandort für Kabelherstellung. Das mit an die 3.000 Bewohner_innen dicht bewohnte Areal ist nicht nur Spielort und Festivalbüro, sondern auch Ort von Begegnung und Bewegung. Anreisende Besucher_innen und Bewohner_innen der Kabelwerk-Welt haben sich die Musiktheater-Produktionen angesehen, den Lecture Projects, Talks und Publikumsgesprächen gelauscht und mitdiskutiert. Zeitweise waren über 30 Mitarbeiter_innen – erkennbar an T-Shirts mit dem Aufdruck Eine Art Staff, was aber nicht die Abkürzung von Staffage ist, im Einsatz. Für niederschwelligen Zutritt hat nicht zuletzt das U25 Ticket, das heißt freier Eintritt für alle unter 25 Jahren, gesorgt, auch der benachbarte SC Viktoria hatte seinen Fußballer_innen „eine Art Oper“ ans Herz gelegt und so manches Kickerl zwischen den Vorstellungen im Hof des Werk X hat sich als ungeplantes aber willkommenes Rahmenprogramm entwickelt.

Aus: UJAMAA PARADISE, Foto: Barbara Pálffy
Aus: UJAMAA PARADISE, Foto: Barbara Pálffy

Vor allem die beiden Produktionen der Company Oper Unterwegs von Helga Utz haben Kontakt zwischen Künstler_innen und potentiellem Publikum schon während der Proben angebahnt und ausgebaut. Und das mit Erfolg: Popcorn essende Kinder mit und ohne Migrationshintergrund in der ersten Reihe von Stille Wasser oben am Dach rund um den Swimmingpool besuchten ein Stück, das wohl mit so jungem Publikum vom intellektuellen Anspruch her gar nicht gerechnet hatte, basiert es doch auf dem 500 Seiten starken Roman von Edgar Allen Poe. Auch in der Serie von Oedipus Lost gab es Publikum nicht nur weit unter dem üblichen Altersdurchschnitt. Es gab Interaktionen mit jugendlichem, auf Skateboards rollendem Publikum, mitunter auch mit kontroversiell reagierenden Kabelwerkbewohner_innen, auch mit der Exekutive oder einmal der Ambulanz, die von aufmerksamen Anrainer_innen aufgrund einer vermeintlichen Leiche in einer Performance alarmiert, angefordert wurde. – Ödipus, man erinnere sich, hat seinen Vater in einem Streit ums Vorfahrtsrecht im Straßenverkehr einfach abgemurkst. Das sieht dann auch in der theatralen Performance entsprechend dramatisch aus. – „Wie will mäk Meidling äh säfa pläs“, das ist ein Anliegen vieler Meidlinger_innen, das wir zwar ernst nehmen, nur soll es nicht in eine Law-and-Order-Mentalität kippen, denn dann hätten theatrale Erzählungen, seien sie auch noch so ehrwürdig wie der Mythos vom Ödipus, keinen Platz mehr.

Am Vorposten von Politik und Theater

Das „Niederschwellige“ als Anliegen der MUSIKTHEATERTAGE sollte sich mit einem

Aus: PIZZERIA ANARCHIA, Foto: Vincent Stefan
Aus: PIZZERIA ANARCHIA, Foto: Vincent Stefan

gesellschaftspolitischen Anspruch verbinden, indem „Gentrifizierung und Stadtentwicklung“ als thematischer Kern gesetzt worden war. Auftakt des Festivals machte in diesem Sinne PIZZERIA ANARCHIA, eine Koproduktion der MUSIKTHEATERTAGE, Balletto Civile aus Genua und der Neuköllner Oper aus Berlin – basierend auf den Ereignissen rund im die Räumung der besetzten „Pizzeria Anarchia“ in der Mühlfeldgasse in Wien im August 2014, mit einem unproportionalen Aufgebot von 1.700 Polizist_innen. Dass auch die Bühne kurz vor Premieren- und somit Festivalbeginn wiederum von den Pizzeria-Aktivist_innen besetzt und erst nach Verhandlungen im Tausch gegen die Eröffnungsrede freigegeben wurde, injizierte dem Festival von Anfang an jenen gesellschaftspolitischen Mix, den man sich eigentlich gewünscht hatte. „Schaut´s nicht nur, sondern tut’s was!“, war der Appell der Punks, der als Imperativ im Festival widerhallte, in dem sich Wirklichkeit und Fiktion überlagerten. Zeitgleich mit tausenden ankommenden Schutzsuchenden am Wiener Westbahnhof, solidarischen Helfenden, besang die Auftragsarbeit disPLACE das Recht auf Wohnen, warf RE-VOLT ATHENS die Schatten einer längst nicht nur mehr griechischen Wirtschaftskrise an die Wände Werk Zwei im WERK X, und zeigte Klaus Karlbauer in Was mich daran hindert eine Oper zu schreiben, was ihn durch die Beschäftigung mit der Wirklichkeit eben vom äh … Schreiben einer Oper abhält, beleuchtete Ujamaa Paradise Utopien und Scheitern einer autonomen afrikanischen Gesellschaft, konnten ungarische Produktionspartner_innen wegen des Flüchtlingsdramas nicht aus Budapest zum Producers Meeting kommen: Der Weg von Budapest nach Wien war in mehrfacher Hinsicht unüberwindlich. Derart überlagert von politischem Außen und künstlerischem Innen, entwickelte sich das Meidlinger Kabelwerk nicht nur zu einem Ort, der Neues Musiktheater in die Peripherie bringt, oder die Peripherie ins Neue Musiktheater (!), sondern auch zu einem Vorposten von Politik und Theater, wenn man so will, der für einen 15 Tage dauernden Augenblick Plattform und Player gleichzeitig war.

Mittlerweile sind an der wichtigen U6 Station Tscherttegasse auch die beiden großen Plakate bereits überklebt, auf denen für die Musiktheatertage geworben wurde, und auf denen das Motto stand:
Eine Art Fest, Eine Art Nest.
Aus dem Büro hört man das Mantra: Nach dem Festival ist vor dem Festival.

 

Der Text entstand in Zusammenarbeit mit einem der beiden künstlerischen Leiter Thomas Desi und erschien im Oktober 2015 in der gift – Zeitschrift für freies Theater.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *