“Kunst muss erschüttern”

Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Theoretisch komplex und doch greifbar präsentiert sich die Ausstellung „medien-block-richard-kriesche“ in der Neuen Galerie Graz mit der Urfrage: Was ist Kunst?

Er ist einer der wichtigsten österreichischen Medienkünstler. Dreimal war er bei der Biennale di Venezia und zweimal bei der Documenta in Kassel vertreten. Er hat das erste Kunstprojekt im Weltraum durchgeführt und in Leintücher mit der Aufschrift „Ist das Kunst?“ eingewickelte Menschen über die Kärntnerstraße kugeln lassen. Wer das alles nicht parat hat, dem holt spätestens das eindringliche „Humanic. Fraaanz“, das durch die Neue Galerie tönt, sein Werk wieder ins Gedächtnis: Richard Kriesche, Jahrgang 1940, hat mit der Humanic-Werbung die Avantgarde ins Fernsehen gebracht. Nun ist ihm in Graz eine Ausstellung gewidmet: „medienblock-richard-kriesche“.
Ganz und gar besonders

Numerische Systeme Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Numerische Systeme Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Ein „Vermächtnis, pathetisch gesagt“, so der Künstler, ist diese Ausstellung und sie präsentiert einen Überblick seines Schaffen von Mitte der 1960er-Jahre bis heute.
Das ganz und gar Besondere am „medienblock“, wie Kriesche die Schau kurz und zärtlich nennt, ist, dass sie zeigt, was gar nicht zu zeigen ist. Kunst bei Kriesche ist ein reziproker Prozess. Und so einen muss man erst einmal ausstellen können. Kurator Günther Holler-Schuster gelingt das mit einer Art Zusammenfassung der Videoproduktionen, er zeigt Entstehungsprozesse, nicht selten lässt er den Künstler in altem Interview-Material selbst zu Wort kommen. Ausgestellt sind auch einzelne „Reliquien“, Werbeplakate, die Kriesche gestaltet hat oder ein verspiegelter Röhrenfernseher, Teil eines Kunstprojekts der Biennale 1977, der das Publikum als Fernsehbild wiedergegeben hat.
Die Ausstellung lässt der Kurator schon auf den Stufen der Neuen Galerie des Joanneum beginnen, die wirkungsmächtig zu den Ausstellungsräumen im Obergeschoß hinaufführen: Eine Videoprojektion macht neugierig auf das, was kommt. Gleichzeitig greift Holler-Schuster damit auch voraus und legt Kriesches Hauptanliegen, Kunst aus dem White Cube zu holen, von Beginn an offen. So, nicht zuletzt aber durch das Ausgestellte selbst, gelingt der Spagat, nicht Zeigbares offensichtlich und greifbar zu machen.
Das Saalheft und biografische Notizen nimmt man gerne am Eingang mit – man wird sie aber nicht brauchen: Kriesches Werk ist selbstredend. Chronologisch wird man durch sein Schaffen geführt. Am Ende jedes Raumes gibt es eine Tafel, die die Werktitel trägt, manches Mal auch knapp Informationen bereit stellt und oft dazu verleitet umzukehren und noch einmal zu schauen. QR-Codes sind bei den Kunstwerken angebracht, die zur einer Projektwebsite führen. Weitere Informationen sind so auf dem Smartphone abrufbar. Auf diese Art und Weise strickt man sich sehr langsam durch die Jahre, sich Zeit zu nehmen kann man daher jedem Besucher nur ans Herz legen.

Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Dem Land Steiermark ist Kriesche sehr verbunden. Die Ausstellung verweist daher auch auf die Avantgarde-Position der Steiermark, „europäisch gesehen, bitte“, wie der Künstler in einem Gespräch nachschießt, das auf der Website des Joanneum bzw. auf Soundcloud zu hören ist. Die zentrale Frage in diesem (hörenswerten!) Gespräch – und diese Frage ist zentral in Kriesches Gesamtwerk, wie der „medienblock“ zeigt – ist die grundlegendste überhaupt: Was ist Kunst? Oft geht Richard Kriesche durch Museen und Galerien, erzählt er da. Und ununterbrochen fragt er sich: „Warum ist das Kunst? Des kenn i scho ois“. Kunst muss erschüttern, findet er, aus dem Gewohnten herausführen, alle Pläne verwerfen. So, dass auch nicht kunstaffine Menschen sehen: Da ist etwas Außergewöhnliches geschehen.
Mit einem Schmunzeln

Kurator Günther Holler-Schuster und Richard Kriesche Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Kurator Günther Holler-Schuster und Richard Kriesche Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Wenn Richard Kriesche von seiner Arbeit erzählt, muss er manchmal lachen. Einmal hat er einen Satelliten angemietet, der wie ein „Gottesblick“ auf die Steiermark schaut, und die Gröbminger Einwohner vor eine Leinwand stellen lassen, auf den Moment wartend, in dem der Satellit vorbeikommt und sie als Pixel wahr- und aufnimmt. „Wir warteten auf etwas, das wir gar nicht sehen werden. Und wir warteten darauf vor einer weißen Leinwand.“ Wenn Kriesche davon erzählt, hört man ihn schmunzeln. Dieses Schmunzeln findet sich in all seinen Werken. Die Idee hinter dem „Gottesblick“ ist genau wie alles, was Kriesche tut, wohl durchdacht und schlüssig und charmant umgesetzt. Wer durch den „medienblock“ spaziert, wird merken: Da ist etwas Außergewöhnliches geschehen.

Der Text erschien im Juni 2016 in: Die Furche

medienblock-richard-kriesche
bis 2. Oktober, Neue Galerie Graz
täglich 10 bis 17 Uhr
www.medienblock-richard-kriesche.at
www.museum-joanneum.at

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