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Selbstmordplanung im Chatroom: Norway.today – die Kritik

norway-today-felicitas-lukaDas Stück “Norway.today” von Igor Bauersima wurde schon mehrmals auf die Bühne gebracht, und hat nach dem Theater der Jugend jetzt auch den Weg auf die Bühne des Dschungel Wien geschafft. Es spielen Christian Ruthner (August) und Felicitas Lukas (Julie), Regie von Günther Wiederschwinger.

Entgegen ersten Assoziationen (Reiseliteratur?) wird bald klar: das Stück ist “todernst”, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Julie und August (die Komik der Namen wird im Stück auch angesprochen) planen ihren Selbstmord – im Chatroom. Nachdem sie sich sicher sind, dass es der jeweils andere ernst meint, arrangieren sie ein Treffen: in Norwegen, wollen sie sich vom Prekestolen-Felsen (auch Preikestolen) in den Tod stürzen. Bisnorway-today01zum tatsächlichen Ende offenbart sich dem (vorwiegend jugendlichen) Zuschauer die ganze Palette von Emotionen und Gedanken sinn- und identitässuchender Jugendlicher.

Wirkt der erste Teil des Stücks noch sehr realistisch, so überwiegt im zweiten Teil der Zynismus und das Stück wirkt zunehmend skurriler: in der letzten Szene versuchen Julie im Abendkleid (!) mit hochhackigen Schuhen und August mit James-Dean Lederjacke noch ihre letzten Worte auf Videokamera festzuhalten…

Die Jugendlichen identifizieren sich jedenfalls sofort mit den Protagonisten und so wird auch in der Pause vor allem der Charakter der selbstbewussten, aggressiven Julie heftig diskutiert: “Die Julie ist eine arrogante Ziege”, ist da zu hören. Und: “Oida, die ist ja komplett durchgeknallt!”. August hingegen präsentiert sich im Stück als verzweifelter Softie, der “in seinem Leben noch nichts wirklich geschafft hat”.

Der relativ kleine Theaterraum im Dschungel Wien lässt die Zuschauer das Geschehen wirklich ganz nah miterleben. Die Bühnendialoge über Leben und Tod, Sinn und Sinnlosigkeit, Angst und Feigheit, kurz – über Gott und die Welt, schaffen eine intime Atmosphäre, die dann mit dem Suizid sehr abrupt durchbrochen wird. Und obwohl jeder im Publikum ganz genau weiß, wie die Sache ausgeht macht sich am Ende statt des Applauses lediglich Betroffenheit im Zuschauerraum breit. (Text: Anne Aschenbrenner; Foto: Felicitas Lukas, Michael Haller)

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