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Meine Katze und ich: Katja und Kotja – die Kritik

katja-und-kotja-c-dorothee-schwabAls Vorlage für das Theaterstück “Katja und Kotja” diente das (vergriffene) Bilderbuch “Katja, Kotja und die künstliche Sonne” des ukrainischen Schriftstellers Wjatscesla J. Burlaka. Die (Vormittags)Premiere feierte der Jungwild-Förderpreisträger für junges Theater 2012 über die Geschichte eines Mädchen und seiner Katze – oder, wie Kotja es sagen würde, einer Katze und seinem Mädchen – bei Szene Bunte Wähne.

Zwei Stühle, eine Projektionsfläche, eine Gitarre und ein Kassettenrecorder. Vor einem denkbar einfachen Bühnenbild entfaltet sich dem Publikum die ganze Komplexität von Kernspaltung und Nuklearenergie.

Die Sonne kann durch nichts ersetzt werden

Das Atomkraftwerk ist wie eine Sonne, tief unter der Erde, die man an- und ausschalten kann. Und dieses An- und Ausschalten ist die Aufgabe von Katjas Papa. Der eines Tages nach einer Explosion im Kraftwerk nicht heimkommt, just an Katjas Geburtstag. Anstatt der ersehnten Feier mit den Spielkameraden gibt es Flucht, die Heimat wird zur Zone erklärt, die niemand mehr betreten darf. Kotja muss zurück bleiben, aber sie ist die Herrin der Zone und sie wird nicht verhungern, denn sie ist da daheim. So sieht es Katja, die mit der Mutter bei der Großmutter ein neues Zuhause findet. Mit dem Unfall im Atomreaktor schleichen sich die Disharmonien in die Geschichte, die sehr schön in Spiel und Musik zu erkennen sind. Verzerrte Perspektiven schleichen sich ein, und zurück bleibt eine Einsamkeit und Sehnsucht, die sich an Kleinigkeiten manifestiert, wie an dem zurückgebliebenen Boot des Vaters, der, verletzt, ebenfalls zurückbleiben muss. Als der Vater schließlich nach dem Sommer doch noch heimkommt ist die Wiedersehensfreude groß, und Kotja bemüht sich auch über des Vaters Überraschung zu freuen: eine Spielzeugkatze. Trotz allem ist sich Katja sicher, Kotja kann durch nichts ersetzt werden. Und die Sonne auch nicht.

Schwierige Thematik mit eindrucksvollem Zugang

Fokussiert auf die Wahrnehmung des Kindes nähern sich Michael Pöllmann (Regie) und Julia Perschon (Dramaturgie) einer schwierigen Thematik und schaffen so einen eindrucksvollen Zugang. Martin Hemmer und Suse Lichtenberger führen das Publikum in Teilen auch interaktiv durch Katjas Geschichte, von audiovisuellen Impulsen begleitet (Projektionen: Stefan Eipeltauer). Während Hemmer abwechselnd in die Rollen von Katze Kotja, Mutter oder Vater schlüpft, bleibt Katja (Suse Lichtenberger) immer Katja. Die Ich-Form in der Erzählhaltung erzeugt Empathie und noch viel mehr. Die überschaubaren, einzelnen Bilder, die den Erzählfluss unterbrechen, verleihen dem Stück Lebendigkeit. Komik und Gefühl als Motive sind im Agieren der beiden gleichberechtigen Erzähler fix verankert: während Lichtenberger als Katja durchgehend für den emotionalen Teil der Geschichte zuständig ist, übernimmt Hemmer, ob als eitle, bestimmende Katze Kotja oder unbeholfenen Vater durchwegs den komischen Part. Das gibt dem Stück nicht nur eine fixe Struktur, sondern sorgt auch für ein entspanntes Gleichgewicht zwischen Ernsthaftigkeit und Komik. Schließlich gelingt es das Publikum mit zartem Humor an die Geschichte zu binden, ohne auch nur ein einziges Mal platt daherzukommen. Ein Meisterstück in Zeiten wo im Schoberschen Stil oft auf sehr kleiner Flamme gekocht wird.

Jungwild-Förderpreis für junges Theater 2012: Das raunende Beschwören des Imperfekts

Musik (Gitarre live von Michael Hemmer), das Bühnenbild und die in hellen Blau- und Grautönen gehaltenen Kostüme (beides Agnes Burghardt) unterstreichen die Sanftheit der Erzählung. Die Bilder, die an die Leinwand projiziert werden, sehen teilweise wie kaputte Polaroidbilder aus. Sie bleiben stets abstrakt und unscharf, verleihen aber eben dadurch dem Stück Präzision. Mit Gegensätzen scheinen Dramaturgie und Regie zu spielen und fügen dennoch alles zu einem harmonischen Ganzen. Poetische Bilder in Klang und Farbe, Traurigkeit und Hoffnung und Wiedersehensfreude, und das raunende Beschwören des Imperfekts lassen das Geschehen zeitlos wirken. Und doch ist es ein Brückenschlag zwischen einer Generation Tschernobyl und einer Generation Fukushima, die vergessene und verdrängte Erinnerungen an die Katastrophen wieder ins Gedächtnis rücken. Obwohl die Premiere für das Jungwild Preisträger Stück nur im wochentäglichen Vormittagsprogramm (!) des Szene Bunte Wähne Festivals Platz gefunden hat, fand das Stück beim Publikum großen Anklang. Auch in Wien waren die bisher gezeigten drei Vorstellungen gut besucht. Vom 26. bis 29. November 2012 ist “Katja und Kotja” im Tao! Theater am Ortweinplatz (Graz) zu sehen, im Frühjahr 2013 soll es im Dschungel Wien wiederaufgenommen werden. Gut so! (Text: Anne Aschenbrenner; Fotos: Lena Sudmann; Zeichnung: Dorothee Schwab)

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Kurz-Infos:
Katja und Kotja
Musikalisch-visuelles Erzähltheater vonwerk89
Altersempfehlung: 6-10
Dauer der Aufführung: 40 Minuten

Premiere bei Szene Bunte Wähne 2012
Kritik zur Aufführung am Sonntag, 30. September 2012 im Dschungel Wien

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