kritik zu *das dschungelbuch*

zu dieser kritik möchte ich etwas erzählen. ich hab die aufführung im dschungel tehaterhaus gesehen, und es hat mir nicht recht getaugt, was da auf der bühne passiert ist. und mit der kritik hab ich mir urgeplagt, ich hab ewig gebraucht, immer wieder überarbeitet und dann ewig liegen gelassen. viele, viele wochen nach der premiere hab ich es dann in einem anfall doch noch irgendwie fertig geschraubt, und dem manfred horak von der kulturwoche gemailt. seine antwort war: wie kann man eine gute kritik nur so lange zurück halten?

das hat mich sehr gefreut. und das ist die art, die ich bei manfred horak sehr schätze. danke an dieser stelle für alles ;-)

Das Dschungelbuch im Dschungel Wien – die Kritik

das-dschungelbuch-3Holger Schober inszeniert die Metapher vom Großstadtdschungel neu – im Dschungel Wien – wo sonst? Und niemand geringeres als “Das Dschungelbuch” von Rudyard Kipling muss dafür herhalten – was sonst?

In einem Statement betont Schober, er wolle Walt Disneys Filmklassiker nicht kopieren, sondern versuchen eine eigene Geschichte, mit anderen Schwerpunkten und anderen Mitteln zu erzählen. Nun, das ist ihm nicht ganz gelungen. Herausgekommen ist bestenfalls eine Hommage an Walt Disney, in anderem Rahmen und unter anderen Bedingungen neu interpretiert. Das Original von Rudyard Kipling – er erhielt 1907 als bis dahin jüngster Autor und erster englischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis – hat, entgegen der landläufigen Meinung überhaupt nichts mit einer verweichlichten Darstellung von Tier und Dschungel zu tun: im Gegenteil, Kipling beschreibt das Dschungelleben derart authentisch, dass sogar Konrad Lorenz aus seinem Werk zitiert hat.

Suche nach Identität, Geborgenheit und Abenteuer

Schober versucht auch zumindest im Ansatz sich durch einige Akzente  ziemlich deutlich von der Weichzeichnerei der Disney-Interpretation  zu distanzieren und versetzt die Story von Mogli [im Original: Mowgli; die bekannteste Realverfilmung entstand 1942 mit dem indischen Kinderstar Sabu in der Hauptrolle; Anm.] und Co. in die (triste) Wiener Gegenwart: Baghira und Balu (im Original: Bagheera und Baloo) sind zwei Obdachlose, die ihre richtigen Namen gar nicht mehr wissen und den jüngeren Mogli unter ihre Fittiche nahmen. Gemeinsam erzählen die drei – dargestellt von Nick-Robin Dietrich, Michael Pöllmann und Carla Spendel – Kiplings Dschungelbuch nach, eine Geschichte von der Suche nach Identität, Geborgenheit und Abenteuer, eine Geschichte, die irgendwie auch die ihre ist.

Brauseschlauch und schmuddeliger Frotteebademantel

Ganz neu ist die Dislozierung und Schaffung einer Rahmenhandlung aber nicht: Bereits die englische Kinderbuchautorin Edith Nesbit (1858-1924), die immer noch als Klassikerautorin gilt, lässt in ihrem Kinderbuch ”The Would-Be-Goods” (1901) Kiplings Dschungelbuch von Kindern nachspielen. Die Schlange Kaa die bei Nesbit von einem Gartenschlauch dargestellt wird, wird bei Schober zu einem Brauseschlauch. Auch die Pannen und Situationskomik in Schobers aktueller Inszenierung sind in Teilen verblüffend ähnlich mit Nesbits Variante. Die Figuren hingegen scheinen aus Walt Disneys Feder zu stammen [das Dschungelbuch war der letzte Film den Walt Disney noch selbst produzierte, er verstarb während der Dreharbeiten im Jahr 1966; Anm.]. Dass Balu mit schmuddeligem Frotteebademantel in Türkiser Farbe nicht nur staturmäßig an den sympathischen Disney-Bären erinnert, sondern auch charakterlich genau eben dieser Vorlage entspricht, während Baghira trotz Obdachlosenmilieu ziemlich elegant daherkommt, kann kein Zufall sein.

Bringen Sie das zusammen?

Die Krönung ist Mogli, der wirkt, als wäre er direkt dem Film entsprungen: klein, dünne aber kräftige Arme und Beine, kurze Hosen mit Shirt statt rotem Lendenschurz und die typische Mogli-Schwammerlfrisur – inklusive Mimik und Gestik entspricht er ganz der filmischen Vorlage. Das Bühnenbild zieht alle Register des Großstadtdschungelklischees: eine Litfasssäule (mit Ikeawerbung), schattenhafte Umrisse einer Skyline am Horizont, ein Verschlag aus Decken, ein Koloniakübel und eine Plakatwand, auf dem die Stadt Wien nach Pflegeeltern sucht: Bringen Sie das zusammen? Überaus passend, und durch und durch nicht Kinderbuchklassiker. Mit Kipling hat das alles freilich nicht mehr viel zu tun. Und das ist schade, denn eine Neu-Inszenierung hätte das Original bestimmt gut vertragen. (Text: Anne Aschenbrenner; Fotos: F. Liepe)

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