Kopfüber – die Filmkritik

kopfueber_kifiGezeigt wird die Geschichte eines Buben, bei dem ADHS diagnostiziert wird, dessen Wesen sich durch die Medikation komplett verändert. ADHS ist ein polarisierendes, sehr emotional besetztes Thema. All den Diskussionen setzt der Regisseur Bernd Sahling einen sachlichen, und doch berührenden Film entgegen.

“Kopfüber” ist ein dokumentarischer Spielfilm über die Geschichte eines Buben, Sascha, mit besonderen Schwierigkeiten. Er schafft es nicht sich zu konzentrieren oder still zu sitzen, streift lieber mit seiner Freundin Elli durch die Gstättn in seiner Umgebung, immer auf der Jagd nach Geräuschen, die sie auf Tonband aufnehmen und zu Soundcollagen zusammenschneiden. Lesen und Schreiben kann er kaum, er geht in die Förderschule, in der Klasse fühlt er sich nicht wohl. Er stiehlt auch immer wieder, verkauft das Diebesgut um sich Fahrradteile und Werkzeug zu kaufen, denn Sascha möchte Fahrradmechaniker werden, wenn er erwachsen ist.

Das Leben ist mühsam genug

Die alleinerziehende Mutter kommt mit dem Buben kaum zurecht, das Leben ist mühsam genug: als Kindergärtnerin verdient sie nicht viel, und hat neben Sascha auch noch seine beiden älteren Geschwister zu versorgen. Schließlich holt sie sich Hilfe, das Jugendamt stellt einen Sozialarbeiter zur kopfueber_dvdVerfügung, der die Familie auch zu einer Ärztin begleitet, wo bei Sascha schließlich ADHS diagnostiziert wird: “Dass du nicht Lesen und Schreiben kannst, hat mit einer Krankheit zu tun.” Sascha bekommt Medikamente, die er regelmäßig einnimmt, rasch stellt sich Erfolg ein: Sascha ist wie ausgewechselt, verhält sich angepasst, schafft es in der Schule Anschluss zu finden. Der Preis dafür ist relativ hoch: die Streifzüge mit Elli haben keinen Wert mehr für ihn, auch an den Fahrrädern verliert er das Interesse. Sascha ist jetzt brav, nimmt Nachhilfestunden und putzt sich abends freiwillig die Zähne.

Lineare Szenen fügen sich nahtlos ineinander

Saschas Geschichte ist eine Geschichte wie sie sich in vielen Familien jeden Tag aufs Neue abspielt. Eine Geschichte von Verzweiflung, Versagen und Verletzungen, aber auch von Sehnsucht und Hoffnung. Am Ende bleibt das Gefühl, dass Sascha es schaffen kann sein Leben in die Hand zu nehmen. Und wenn Sascha es gelingen kann, können wir es doch auch?! Bernd Sahling gelingt es diese Geschichte wertfrei zu erzählen, er schildert, er zeigt, aber er ergreift niemals Partei. Die linearen Szenen fügen sich nahtlos ineinander. Auffallend sind die betont langen Einstellungen, die langsamen Schnitte. Ein Film, der nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern die Zeit und den Raum nachzudenken gibt.  Es ist ein Film über Kinder, aus der Perspektive von Kindern, und doch ist es kein Film, der nur Kinder betrifft. Die Erstaufführung in Österreich war beim Internationalen Kinderfilmfestival 2013. (Text: Anne Aschenbrenner; Foto: Kinderfilmfestival)

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