Das schwarze Schaf

In den fabelhaften 1960er-Jahren, da wurde Nicola geboren. Geburtsurkunde hat er keine, nicht einmal sein genaues Geburtsdatum ist bekannt – sein Vater meldet die Geburt seiner Kinder nicht, aus Prinzip. Das Bewusstsein offiziell gar nicht zu existieren beschäftigt und begleitet Nicola sein Leben lang: was soll einst auf seinem Grabstein stehen? Wie kann einer, der nicht existiert, sterben?
Am 16. Februar hatte Das schwarze Schaf im Eldorado Premiere.schaf5
„Das schwarze Schaf“ ist ein Roman des in 1972 Rom geborenen Ascano Celestini, der in Italien als Multitalent bekannt und als Star gefeiert wird. Anna Schober und Juliane Oder haben das 2006 erschienene Werk für die Bühne bearbeitet, unter der Regie von Schober wurde es jetzt im Eldorado im Werk X uraufgeführt. Celestini beschreibt das Irrenhaus Italien – Schober und Oder beschreiben ein globaleres – anhand einer Art Dreifaltigkeit die sich durch das Leben seine Protagonisten Nicola (Daniel Wagner und Dennis Cubic) zieht, der aus einer einfachen, ärmlichen Schafhirtenfamilie in den Abruzzen stammt: Schule, also die bürokratisch, verbeamtete Ebene, das Irrenhaus, in das er als Kind sobald gesteckt wird, und der Supermarkt, die konsumorientierte, kapitalistische Ebene. Alle Welten, die Nicola durchwächst, funktionieren gleich: es gibt Heilige, es gibt einen Oberheiligen, es gibt Regeln, es gibt Hierarchien. Es gibt die Großmutter (wunderbar komisch: Christian Preuß) an Stelle, der verstorbenen Mutter. Und es gibt Marinella (Pia Strauss), das Mädchen, die Heiligste von allen, die unerfüllte Liebe Nicolas, die nirgends repräsentiert wird, sondern überall auftaucht: zuerst als Schulkollegin und dann wieder als Angestellte des Supermarkts.

Die Übersetzung des Romans von Esther Hansen erschien 2011 im Wagenbach Verlag. Julia Zarbach beklagt in ihrer Rezension im Falter (Der Falter 41/11) die mangelnde Werkeinführung des Verlags – vieles wäre ohne tiefere Kenntnisse der italienischen Geschichte einfach nicht verständlich. Dem hat die Regisseurin in der Uraufführung im Eldorado nun abgeholfen: sie lässt es einfach weg, nur der Italophile erkennt noch die zarten Spuren einer italienischen Staatskritik. So bleibt von Celestinis Vorlage eine auf globale Verhältnisse gebrochene Satire, die aber ohne konkrete Bezüge so allein im Raum steht, dass sie an Wirkung verliert. Die Geschichte von Nicola aus den fabelhaften 1960er-Jahren, der mit seiner Schizophrenie im Irrenhaus aufwächst und Zeit seines Lebens nicht mehr herauskommen wird, ist dramaturgisch sehr gut gelöst: Nicola wird von zwei Darstellern gespielt, einem, der im Jetzt die Geschichte als Ich-Erzähler begleitet, und einem, der gerade gestorben ist, der die Erzählungen präzisiert, der auch mal in die Dialoge eingreift, aber nie in den Lauf der Handlung. Den wirren Schilderungen Nicolas zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Marsmännchen, die Hühnerpillen essen und den Schändungen einer Prostituierten durch seine Brüder, den Schafhirten, setzen Regie (Anna Schober) und Dramaturgie (Anna Gojer) ein sehr klares Konzept entgegen. Kostüm und Bühnenbild (Sandra Moser) sind klar, einfach und harmonisch – so muss Ikea ohne Möbel aussehen – genauso wie Verteilung der Rollen und Zeichnung der Charaktere.

Foto: Chloe Potter
Foto: Chloe Potter

Die Lichtregie (Sabine Wiesenbauer) kommt mit wenig aus und unterstreicht die Handlung angenehm, Musik beschränkt sich auf einen Saxofonisten (Vitus Denifl), der keine andere Funktion auf der Bühne hat, als die Erzählung Nicolas zu begleiten, zu verstärken, aber niemals zu unterlaufen. Der Präzision von Celestinis Vorlage, der in einer Fo´schen Tradition zu lesen ist, nämlich inhaltlich wie sprachlich, ist zu verdanken, dass – auch durch den subtilen Humor -, das Stück auch ohne politische Kritik funktionieren kann. Die Regisseurin scheint das zu wissen. Eine globale Kritik hingegen, wie im Pressetest angekündigt, wird kaum greifbar. Das ist schade: die italienischen Moralvorstellungen und die rest-europäischen sind doch enger verwoben, als man glaubt.

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